Gefühle müssen an die frische Luft

Kathrin Trost

Wie Kinder im Umgang mit ihren
Gefühlen unterstützt werden können

Von Kathrin Trost in „Kleine Leute – Großer Gott (Heft Nr. 31 – Material für den Kindergottesdienst mit 3- bis 6-Jährigen), © Bundes-Verlag, Witten 2025“

Sei lieb und artig!“ Viele von uns haben diesen Appell als Kind von Mama, Papa oder den Großeltern gehört. Als Erwachsene wissen wir, dass wir nicht immer nur nett und freundlich sein können. Manchmal haben wir eben auch einfach mal schlechte Laune oder ärgern uns über das Verhalten unserer Mitmenschen. Wir nehmen uns dann das „Recht“ heraus, zu schimpfen, zu schmollen, Türen zu knallen und so weiter. Von Kindern wird jedoch häufig erwartet, dass sie ihre negativen Gefühle im Griff haben oder nicht nach außen zeigen.

Da bekommt der vierjährige Leon zu hören, als er gestürzt ist: „Stell dich nicht so an, hör auf zu weinen, es ist doch gar nicht schlimm.“ Oder die fünfjährige Julia soll nicht wütend darüber sein dürfen, dass sie gerne noch länger im Kindergarten gespielt hätte. Die Beispiele ließen sich zahllos fortsetzen, aber alle haben gemeinsam, dass es um Gefühle geht.

Aber, welche Gefühle gibt es eigentlich? Und, gibt es überhaupt positive und negative Gefühle? Ist die Bewertung von Gefühlen abhängig von der Perspektive – für den, der sie hat oder für den, der damit konfrontiert wird? Sind wir ihnen hilflos ausgeliefert oder können wir sie selbstwirksam regulieren?

Fragen über Fragen. Ich möchte mit diesem Artikel ein paar Ansätze zu Antworten aufzeigen, in der Hoffnung, in dir als Leser oder Leserin das Verständnis für Kinder auf ihrem Weg zu emotionaler Kompetenz zu schärfen. Ihre Gefühle wahr- und ernst zu nehmen und damit Kindern das Gefühl zu geben, dass sie gesehen, gehalten und geliebt werden und sich so zu liebevollen Menschen entwickeln können.

WELCHE GEFÜHLE GIBT ES ÜBERHAUPT?

Der US-amerikanische Anthropologe Paul Ekman hat empirisch sieben Basisemotionen nachgewiesen, die jeder Mensch unabhängig von Alter und Kultur besitzt: Ekel, Verachtung, Angst, Trauer, Ärger/Wut, Freude und

Überraschung. Diese Grundgefühle können also überall auf der Welt entschlüsselt werden. Allerdings unterscheidet sich die Art und Weise, wie diese Gefühle im sozialen Kontakt ausgedrückt werden, wiederum stark je nach kulturellem Kontext, je nachdem ob die Gefühle z. B. erwünscht oder unerwünscht sind.

WIE ENTSTEHEN GEFÜHLE BEI KINDERN?

Die Grundgefühle sind angeboren, können aber in ihrer Ausprägung variieren. Da Kinder am Modell der Eltern lernen, ist z. B. das Gefühl „Angst“ bei Kindern ängstlicher Mütter in der Regel stärker ausgeprägt.

Je nachdem welches Verhalten bei Eltern erwünscht ist, werden unter Umständen auch negative Gefühle unterdrückt. Negativ erlebt werden die Gefühle dabei hauptsächlich vom Gegenüber, das damit konfrontiert wird. Bei einem erwachsenen Gegenüber kann Unsicherheit ausgelöst werden. Was braucht das Kind? Es können auch Schuldgefühle eine Rolle spielen, dieses Gefühl verursacht zu haben, oder auch Angst, den Wutausbrüchen beispielsweise nicht gewachsen zu sein oder sozial abgestraft zu werden, das Kind nicht „im Griff“ zu haben. Für Bezugspersonen im Umgang mit starken Gefühlen ist es daher hilfreich zu wissen, wodurch sie ausgelöst werden, zum Beispiel Trauer und Ärger oder Wut.

WOHER KOMMEN TRAUER UND ÄRGER ODER WUT?

Kinder weinen, wenn sie sich körperlich verletzt haben, krank sind und Schmerzen leiden, aber auch, wenn sie sich beschämt oder nicht richtig fühlen, weil sie z. B. geschimpft wurden. Auch Angst drückt sich oft in Tränen aus: „Kommt Mama wieder, wenn sie mich im Kindergarten verabschiedet?“ „Bekomme ich die Klassenarbeit hin?“ Auch der Verlust von nahen Angehörigen oder Haustieren löst Trauer aus.

Wenn Kinder nicht weinen dürfen, versuchen sie stattdessen ihren Kummer vor anderen zu verbergen und einfach herunterzuschlucken. Das Gefühl „Trauer“ ist aber trotzdem vorhanden, es darf nur nicht ausgedrückt werden. Es wird abgespalten und Kinder verlieren ihren Zugang zu diesem Gefühl. Als Erwachsene können sie es später dann oft nicht äußern. Wenn sie sich selbst nicht erlauben, traurig zu sein bzw. ihre Trauer zu zeigen, können sie es häufig auch bei anderen nicht zulassen und reagieren dann ärgerlich darauf (sogenannte Projektion).

Der Mensch besitzt vier psychische Grundbedürfnisse:
• Das Bedürfnis nach Bindung
• Das Bedürfnis nach Autonomie und Kontrolle
• Das Bedürfnis nach Lustbefriedigung und Unlustvermeidung
• Das Bedürfnis nach Anerkennung bzw. Selbstwerterhöhung
Wird eines dieser Bedürfnisse verletzt, entstehen Ärger oder Wut. Innere Auslöser hierfür sind unter anderem Gefühle von Unsicherheit, Ausgeliefertsein, Schutzlosigkeit oder Überforderung. Ein anderer Auslöser für Wut ist Verletzung durch z. B. Beschämung, Nicht-Wahrgenommen- Werden oder körperliche Angriffe.

WIE LERNEN KINDER IHRE GEFÜHLE KENNEN? 

Kinder können ihre Gefühle spontan von Geburt an ausdrücken (z. B. durch Tränen), aber nicht zuordnen und benennen. Hierfür brauchen sie die Hilfe der Erwachsenen, die ihnen ihre Gefühle spiegeln. Dies kann geschehen, indem Erwachsene beispielsweise sagen: „Du bist traurig, weil du jetzt ins Bett musst.“ „Du bist wütend, weil ich dir kein Eis kaufe.“ Gleichzeitig werden die Kinder so bezüglich ihrer Gefühle sprachfähig gemacht.

Dieses Spiegeln gelingt aber nur, wenn Bezugspersonen ein grundsätzliches Verständnis für kindliche Entwicklung haben, die Bedürfnisse von Kindern und darüber, was ihnen Sicherheit gibt (siehe vier psychische Grundbedürfnisse). Wichtig ist auch die Bereitschaft, sich auf jedes Kind individuell einzustellen, es kennenlernen zu wollen mit seinen ganz eigenen Bedürfnissen und Grenzen. Feinfühligkeit von Bezugspersonen ermöglicht Kindern erst ein stabiles emotionales Fundament.

Wichtig ist auch, dass ich als Bezugsperson persönliche Verantwortung übernehme und meine eigenen Bedürfnisse und Grenzen kenne und kommuniziere. So sorge ich gut für mich und kann auch entspannt und souverän mit Kindern umgehen, egal welch herausforderndes Verhalten sie gerade zeigen. Indem ich meine Gefühle transparent mache, gehe ich mit gutem Beispiel voran (Lernen am Modell) und bin zudem für das Kind einschätzbar, was ihm wiederum Sicherheit vermittelt.

Als Erwachsene tragen wir mit Verantwortung dafür, wie die Kinder sich entwickeln, die wir betreuen. Maria Montessori, eine italienische Ärztin und Pädagogin aus

dem Anfang des 20. Jahrhunderts, die bekannt ist für den Grundsatz „Hilf mir, es selbst zu tun“, hat einmal gesagt: „Wenn du ein Kind zu oft kritisierst, wird es lernen, andere zu verurteilen, wenn du es regelmäßig lobst, wird es lernen, wertzuschätzen.“

WAS BRAUCHEN KINDER, UM IN IHREN GEFÜHLEN GUT BEGLEITET ZU WERDEN?

Wenn Erwachsene die Gefühle der Kinder einfach wegwischen, wie in den eingangs beschriebenen Beispielen, lernen Kinder: „Meine Gefühle sind nicht richtig, ich kann ihnen nicht vertrauen.“ Diese Kinder werden später zu überrationalen Erwachsenen, die Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle zu zeigen. Sie würden es ja vielleicht gerne, wenn sie nur wüssten, was überhaupt ihr Gefühl zu dem ist, was ihnen begegnet.

Hannsjörg und Eva-Mareile Bachmann stellen in ihrem Buch „Familie leben – Wie Kinder und Eltern gemeinsam wachsen“ fest: Kinder sollten die Erfahrung machen, dass…
• alle Gefühle erlaubt sind.
• Gefühle wichtige Informationen sind.
• sie ihren Gefühlen trauen dürfen.
• sie in ihren Gefühlen ernst und angenommen werden.
Für Kinder ist es aber auch wichtig, zu lernen, dass ihre Bezugsperson sie versteht, sie jedoch trotzdem nicht immer tun können, was sie gerne möchten. Damit Kinder in ihren Gefühlen gut begleitet werden können, brauchen sie: Klarheit in der Vermittlung von Regeln und Verständnis für die Beweggründe. Beide Faktoren müssen gleichzeitig vermittelt werden! Die erste Botschaft muss lauten: „Deine Gefühle sind richtig!“ Im zweiten Schritt müssen die Gefühle der Kinder an den aktuellen Kontext angepasst werden: „Ich mute dir deine Gefühle zu, halte sie aus und setze ihnen Grenzen“. Dies bedeutet aus Sicht der Kinder: Wenn möglich – folge meinen kindlichen Bedürfnissen! Wenn nötig – übernimm die Führung! Ein Beispiel dafür könnte sein: „Ich verstehe, dass du jetzt gerne ein Eis hättest und wütend bist, dass ich es dir verbiete, da wir gleich zu Mittag essen. Du kannst aber zum Nachtisch zu Hause ein Eis bekommen. (oder: Wir können wann anders ein Eis essen gehen. Wie wäre es mit morgen nach dem Kindergarten?)“

KINDER BRAUCHEN UNSERE HILFE

Kindliches Verhalten, welches das Kind selbst oder andere gefährdet und Grenzen verletzt, sollte nicht toleriert werden. Gleichzeitig ist es aber wichtig, mit dem Kind Fähigkeiten zu trainieren, die es lernen muss, um ein anderes Verhalten zeigen zu können. So brauchen schüchterne, ängstliche Kinder z. B. mehr Mut, um sich etwas zuzutrauen, während Draufgänger eher mal in ihre Schranken gewiesen werden müssen. Kinder brauchen unsere aktive Hilfe, damit sie lernen können, mit ihren Gefühlen gut umzugehen. Was Kinder für eine seelisch gesunde Entwicklung brauchen, ist einerseits, dass ihr Bedürfnis nach Sicherheit und Wahrnehmung erfüllt wird. Konkret kann das heißen:
• Beschütze mich!
• Tröste mich!
• Freu dich an mir!
• Ordne meine Gefühle!
Der zweite wichtige Faktor ist jedoch ein gesundes Selbstbewusstsein des erwachsenen Gegenübers. Ein guter Umgang mit den eigenen Gefühlen ist die Grundlage, um auch Kindern dabei helfen zu können. Kennzeichnend hierfür ist beispielsweise:
• Ich kenne meinen Wert als Person.
• Ich nehme meine Gefühle wahr und kann sie eigenverantwortlich ohne Schuldzuweisung ausdrücken.
• Ich sorge selbst für meine Bedürfniserfüllung und erwarte dies nicht von anderen.
• Ich kann Grenzen setzen.

Mein Antrieb

Ich erlebe immer wieder, wie viel sich verändern kann, wenn Menschen sich wirklich verstanden fühlen.
Wenn aus Konflikten wieder Gespräch wird. Wenn aus Distanz wieder Verbindung entsteht.
Wenn aus Überforderung wieder neue Kraft entsteht.

Persönlich

Mein christlicher Glaube ist Teil meiner inneren Haltung. Er prägt meinen Blick auf Menschen – respektvoll, hoffnungsvoll und getragen von dem Vertrauen, dass Entwicklung möglich ist.

 

Kundenstimmen

Sarah – Unterstützung im Trennungsprozess mit drei Kindern

„Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung, Begleitung und Rat. Sie haben uns geholfen, einen unbekannten, dunklen Weg auszuleuchten. Ich bin durch Ihre positiven und pragmatischen Worte und Fragen inzwischen sehr optimistisch und nehme mein Leben mit allen Herausforderungen in die Hand. Ich freue mich auf eine gute Zukunft für uns. Herzlichen Dank dafür!“

Andre (51 J.) – Eheprobleme

„Vielen Dank für den heutigen Termin, der ganz viele empathische Impulse gegeben hat. Meine Frau und ich hatten eine schwere Zeit. Wir hatten nun eine sehr gute Aussprache und einen wunderschönen Neustart hinbekommen.“

Max (33 J.) und S. (32J.) – Eheprobleme

Er: „Die letzte Stunde hat viel nochmal gedanklich angestoßen und mir Zuversicht gegeben.“

Sie: „Ich habe gelernt, mit meinem Mann darüber zu reden und die Themen so zu bearbeiten und ggfs. Loszulassen. Wir sind gerade dabei vieles in unserer Familie anzuschauen und treffen große Entscheidungen, um unser Glück zu finden. Sie haben mir viele Denkanstöße gegeben und mein Mann die Sicherheit, es zu verarbeiten. Ich bedanke mich hierfür sehr!“

Annika (30 J.) – Probleme in der Partnerschaft

„Die Fragen, die Frau Trost uns gestellt hat, haben wir uns noch nie gestellt. Wir können jetzt ganz anders miteinander reden, haben viel über uns selbst gelernt.“

Frau W. – Unterstützung nach Trennung für sich und ihre siebenjährige Tochter

„Frau Trost hat sich viel Zeit genommen, das ganze Familiensystem kennenzulernen. Wir haben gelernt, was unsere Tochter braucht, was weniger hilfreich für sie ist und wie wir alle (auch die neue Partnerin des Kindesvaters) einen guten Weg für uns selbst und im Miteinander finden können.“

Hr. und Fr. V. – Umgangsregelung bei hochstrittiger Trennung

„Frau Trost hört zu, bleibt neutral und ist für uns immer wieder eine gute Ansprechpartnerin. Sie kümmert sich zeitnah um unsere Anliegen und nimmt sich Zeit.“

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